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Ordenflut


Zu meiner Dienstzeit in den 1990er Jahren liefen die Masse der Soldaten mit einer blanken Brust auf dem grauen Dienstanzug herum. Das einzige aus Farbe war das Bataillonabzeichen was an die Brusttasche angebracht wurde.

Als meine Wehrpflichtszeit zuende ging, hatte ein kleiner Teil von uns ein paar Auszeichnungen erhalten die etwas schmucker wirkten. Es gab Schützenschnüre, Leistungs- und Sportabzeichen. Viele von uns verließen die Bundeswehr genauso blank wie sie gekommen sind. Einzig die Metallschienen auf den Schulterklappen haben sich geändert.

Wenn dann das ganze Bataillon angetreten war, konnte man bei den längerdienende Offiziere und Unteroffiziere noch weitere Sachen erkennen, sei es die Ehrenzeichen der Bundeswehr, Tätigkeitsabzeichen, Sonderabzeichen, usw.
Aber auch hier waren die Bandschnallen fast immer auf eine Reihe begrenzt und generell alles knapp gehalten.

Man merkte halt, das die Bundeswehr zur meiner Zeit eine Wehrpflichtarmee zur Landesverteidigung war. Entsprechend wenige Auszeichnungen gab es.
Inzwischen ist die Bundeswehr eine Berufsarmee geworden, welche permanent in kleineren externen Einsätzen tätig ist. Dieses hat sich auch bei den Verleihungen ausgewirkt.

Mein erster Eindruck

Als ich mich vor einigen Jahren mit dem Thema "Orden und Ehrenzeichen der Bundeswehr" befasste war ich erschrocken. Ich kannte, wie oben beschrieben, in erster Linie die Ehrenzeichen von 1980 und die kurz vor meinem Ausscheiden eingeführte Einsatzmedaille.

Nun gab es eine Reihe von Erweiterungen bei den Ehrenzeichen und die Einsatzmedaille hat durch ihre Spangen zu einer gefühlten Flut von Auszeichnungen geführt.

Spontan erinnerte es mich an die amerikanische und sowjetische Vergabepraxis.

Zitate

Fazit eines Vortrages von 2013 durch Flottillenadmiral a.D. Hubertus von Puttkamer in der Rettberg-Kaserne:
"Die Orden stehen laut von Puttkamer für das Streben nach Anerkennung und somit für die Eitelkeit des Menschen. Folglich würden Zeremonien zur Erhebung von Personen und zur Würdigung ihrer selbst benutzt. Seine Schlussfolgerung: Die Eitelkeit des Menschen ist bodenlos."

User Timid aus bundeswehrforum.de (24. April 2010):
"Die Bundeswehr ist in der Beziehung wesentlich "sparsamer" als andere Armeen. Eine Flut an Orden, Ehrenzeichen und Abzeichen, wie es sie bei den Amerikanern oder Russen (oder damals der NVA) oder auch früheren deutschen Armeen gibt/gab, gibt es schlicht und ergreifend nicht. Es gibt das Ehrenkreuz in insgesamt 7 möglichen Stufen, es gibt die Einsatzmedaillen, das war es eigentlich auch schon an Orden und Ehrenzeichen, die die Bundeswehr selbst verleiht. Dazu kommen noch ein paar andere Abzeichen (Tätigkeits-, Leistungsabzeichen, Schützenschnur, Abzeichen für bestimmte Lehrgänge, etc.) sowie mögliche zivile oder ausländische Auszeichnungen."

User MediNight aus bundeswehrforum.de (25. April 2010):
"Das Problem mit den Auszeichnungen bei der Bundeswehr ist für mich das folgende:
1. Eine ganze Generation lebensälterer Kamerden, von denen ein Großteil heute in höheren bis sehr hohen Verwendungen sitzt, hatte kaum die Gelegenheit in Einsätzen Orden und Ehrenzeichen zu erwerben. Bei diesen Kameraden würde es dann auch eher lächerlich ausschauen, mit einem DSA in Gold von "anno dunnemals" und dem Ehrenkreuz der Bundeswehr herum zu laufen. Daher kommt hier oft die Variante "nackig" zum tragen ;) !
2. Eine jüngere Generation, zu der gerade noch so ich gehöre, weiß gar nicht mehr wo hin mit den Orden und Ehrenzeichen, weil man ja für jeden (Erst-)Einsatz in einer neuen Mission zunächst einmal zwei Medaillen verliehen bekommt. Beispiel: Die ersten 30 Tage bei KFOR ergeben die Einsatzmedaille KFOR in Bronze und die NATO-Medaille "Non-Article 5 Balkans". Damit erübrigt sich für mich das Tragen von DSA, DLRG, Wasserwacht, etc., weil ich mit mehreren Ehrenkreuzen, den Einsatzmedaillen, den Oderflut-Medaillen, etc. auch so genügend Viererreihen von Bandschnallen voll bekomme ;) ! Ich habe eine richtig große Bandschnallen-Sammlung, die sich zum Glück mit wenigen Handgriffen dran machen oder entfernen lässt, und je nach Anlass mache ich von dieser Möglichkeit auch Gebrauch!
"

Anzahl der aktuellen Auszeichnungen der Bundeswehr

In den letzten 25x Jahren konnten folgenden Auszeichnungen die auf dem Dienstanzug tragbar sind verliehen werden:

Wie man erkennt gab es insbesondere bei den Einsatzmedaillen die große Zunahme an Auszeichnungen. Diese sind es auch die die Bandschnalle so stark erweitern.

Dieser Effekt verstärkt sich noch, da man häufig neben der Einsatzmedaille weitere Auszeichnungen für den gleichen Einsatz erhält.

Dieses sind insbesondere:

Ordenflut

Zu meiner Zeit hatte ein Zeitsoldat (z.B. Unteroffizier) nach vier Jahren, wenn es gut lief, folgende Auszeichnungen auf der Brust:
Insbesondere auf das Ek-Abzeichen waren die meisten Stolz.

=> Fazit: Die Ordenschnalle / Bandschnalle bestand aus zwei Abzeichen (Ehrenmedaille + DSA).

Heute:
=> Fazit: Die Ordenschnalle / Bandschnalle besteht aus fünf bis acht Abzeichen (eine zweite Reihe wird notwendig).

Dieser Effekt ist es, den ich als Ordenflut bezeichnen möchte. Es gab durch die Einführung der Einsatzmedaillen in Kombination mit den häufigen Einsätzen von Soldaten im Ausland eine enorme Steigerung von Verleihungen.

Wertschätzung

Wurden schon zu meiner Zeit die Auszeichnungen der Ehrenzeichen geringschätzig betrachtet, da viele der Längerdienenden bei einigermaßen vernünftigen Verhalten diese fast automatisch erhalten haben, dürfte imho es bei den ganzen Einsatzmedaillen ähnlich sein.

Jedoch vermag ich es nur aus meiner Sicht beurteilen, die natürlich ganz anders sein wird wie bei aktuellen Angehörigen der Bundeswehr.

Zu meiner Zeit waren die Leistungsabzeichen (Einzelkämpfer, Leistungsabzeichen, Fallschirmspringer, Schützenschnur, usw.) die respektiertesten Auszeichnungen.

Mit dem Tapferkeitsorden hat man heutzutage eine sehr hohe Stufe eines indviduellen Leistungsauszeichnung eingeführt die sicher eine besondere Wertschätzung genießen wird. Das er letztendlich eine erweiterte Stufe des Ehrenkreuz in Gold darstelllt, ist die logische Konsequenz aus der notwendigen Aufwertung der Ehrenzeichen der Bundeswehr.

Die Beispiele bei den Zitaten sind meines erachtens eine guter Hinweis wohin die Reise gehen wird. Die Auszeichnungen werden noch mehr und unübersichtlicher und keiner kann die wirklich wertigen mehr erkennen.

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30.04.2017



Erstversion vom 28.07.2017. Letzte Aktualisierung am 28.07.2017.