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Ich habe dreißig Jahre lang (schlecht) gelebt, ...

Artikel vom 10.02.2017 aus .

"Ich habe dreißig Jahre lang (schlecht) gelebt, einige werden sagen, dass es ein zu kurzes Leben war. Diese Leute aber können nicht die Grenzen der Geduld und des Erträglichen bestimmen, denn diese Grenzen sind subjektiv, nicht objektiv.

Ich habe versucht, ein guter Mensch zu sein. Ich habe Fehler begangen. Ich habe viele neue Versuche gestartet. Ich habe versucht, meinem Leben einen Sinn zu geben und mir selbst ein Ziel zu setzen und dabei meine Fähigkeiten einzusetzen. Ich habe versucht, aus dem Unbehagen eine Kunst zu machen.

Doch die Fragen hören niemals auf und ich bin es leid, sie ertragen zu müssen. Ich bin es auch leid, mir diese Fragen zu stellen. Ich bin es leid, dass meine Anstrengungen keine Früchte tragen. Ich bin es leid, Kritik ertragen zu müssen. Ich bin es leid, sinnlose Bewerbungsgespräche für einen Job als Grafiker zu führen.

Ich bin es leid, Gefühle und Wünsche für das andere Geschlecht zu vergeuden, das mich offensichtlich nicht braucht. Ich bin es leid, neidisch zu sein. Ich bin es leid mich zu fragen, wie es sich wohl anfühlt, auf der Gewinnerseite zu stehen.

Ich bin es leid, mein Dasein rechtfertigen zu müssen, ohne dieses selbst bestimmt zu haben. Ich bin es leid, den Erwartungen Anderer gerecht zu werden, obwohl meine eigenen Erwartungen nie erfüllt wurden. Ich bin es leid, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, Interesse vorzutäuschen, mich selbst zu enttäuschen, auf den Arm genommen zu werden, aussortiert zu werden und mich selbst sagen zu hören, dass Sensibilität eine besonders tolle Charaktereigenschaft ist.

Alles Lügen. Wenn Sensibilität wirklich eine tolle Charaktereigenschaft wäre, hätten Forscher das inzwischen erkannt. Doch das war sie nie und das wird sie auch nie sein, denn das ist die falsche Realität.

Eine Wirklichkeit, in der die Bequemlichkeit zählt, die Talente und Alternativen nicht wertschätzt. In der Ambitionen verspottet und Träume sowie alles andere, was nicht in die sogenannte Normalität passt, zerstört werden. Diese Realität kann ich nicht als die meine annehmen.

An diese Realität darf man keine Ansprüche stellen. Man darf keinen Arbeitsplatz verlangen, man darf sich keine Liebe erhoffen, man darf keine Anerkennung erwarten, man darf nicht danach verlangen, Sicherheit zu fordern, und man darf auch kein stabiles Umfeld verlangen.

Was den letzten Punkt angeht, werdet ihr in Zukunft noch euer blaues Wunder erleben, denn bald werdet ihr noch nicht einmal mehr Nahrung, Strom oder fließendes Wasser verlangen können, aber das wird dann natürlich nicht mehr mein Problem sein. Die Zukunft wird ein Desaster sein, zu dem ich meinen Teil nicht beitragen und auch nicht dabei sein möchte. Ich wünsche all denjenigen, die sich bereit dazu fühlen, dieser Zukunft entgegenzutreten, viel Glück.

Dies ist in keiner Weise die Welt, in der ich leben sollte, und niemand kann mich dazu zwingen, weiterhin Teil dieser Welt zu sein. Sie ist ein Alptraum voller Probleme, ohne jegliche Identität, ohne Sicherheiten, ohne Anhaltspunkte und mittlerweile auch ohne Perspektiven.

Es gibt keine Voraussetzungen, um mich in dieser Welt durchsetzen zu können, und ich habe nicht die nötigen Mittel, um diese Voraussetzungen zu schaffen. Ich kann mich in nichts von dem, was ich sehe, wiederfinden und ich sehe auch keinen Sinn darin: Ich habe mit all dem nichts zu tun.

Ich kann nicht den Rest meines Lebens damit verbringen zu kämpfen, nur um zu überleben. Für den Platz zu kämpfen, den ich brauche, oder für das, was mir rechtlich zusteht und dabei mit dem Besten vom Schlechtesten Vorlieb zu nehmen, um mit möglichst wenig auszukommen. Ich mache mir nichts aus dem Minimum, ich wollte das Maximum, doch dies steht mir leider nicht zur Verfügung.

Mit der Antwort Nein kann man nicht leben, sondern nur sterben, und auf dieser Welt war nie Platz für das, was ich wollte, also habe ich in Wirklichkeit eigentlich gar nie existiert.

Ich habe nie jemanden betrogen, aber ich fühle mich betrogen - von einer Zeit, die sich das Recht herausnimmt, mich auszusortieren, anstatt mich aufzunehmen, so wie es ihre Pflicht gewesen wäre.

Der allgemeine Zustand der Dinge ist für mich inakzeptabel und ich habe nicht mehr die Absicht, mich den Dingen anzunehmen. Ich denke, es ist richtig, wenn jemand gelegentlich die Anderen daran erinnert, dass wir frei sind, dass es eine Alternative zum Leiden gibt: Wir können aufhören.

Wenn das Leben kein Vergnügen sein kann, kann es auch nicht zu einer Pflicht werden und das habe ich begriffen. Mir ist bewusst, dass ich euch damit verletze und großen Schmerz zufüge, doch meine Wut ist mittlerweile so groß, dass es nur noch schlimmer wird, wenn ich mein Vorhaben nicht umsetze, und noch mehr Hass kann ich einfach nicht mehr ertragen.

Ich bin als freier Mensch auf diese Welt gekommen und als freier Mensch verlasse ich diese Welt, denn auf dieser Welt hat es mir nicht im Geringsten gefallen. Schluss mit der Heuchelei.

Ich lasse mich nicht von der Tatsache erpressen, dass dies die einzige Möglichkeit ist. Mein individuelles Modell funktioniert nicht. Ihr seid diejenigen, die mit mir abrechnet, nicht ich mit euch.

Ich bin schon immer ein Nonkonformist gewesen und habe das Recht dazu, das zu sagen, was ich denke, meine eigenen Entscheidungen zu treffen, egal zu welchem Preis. Es gibt nichts, was sich nicht trennen lässt, der Tod ist nur das Mittel dazu. Der freie Wille gehorcht dem Individuum und nicht den Bequemlichkeiten Anderer.

Ich weiß, dass euch das wie eine Verrücktheit vorkommen wird, aber das ist es nicht. Es ist nur Enttäuschung. Ich habe keine Lust mehr: nicht hier und nicht jetzt.

Ich kann mein Dasein nicht durchsetzen, aber meine Abwesenheit schon, und das absolute Nichts ist immer noch besser als ein Ganzes, in dem du nicht glücklich sein kannst, wenn du dich deinem Schicksal beugst.

Mama, Papa, bitte verzeiht mir, wenn ihr es könnt, aber ich bin jetzt wieder zu Hause. Es geht mir gut.

In meinem Innern herrschte kein Chaos. In meinem Innern herrschte Ordnung. Diese Generation nimmt Rache für einen Raub, den Raub des Glücks.

Ich bitte alle meine Freunde darum, mir zu verzeihen. Bitte hasst mich nicht. Ich danke euch für die schönen Momente, die wir gemeinsam verbracht haben. Ihr seid alle besser als ich. Dies ist keine Beschimpfung meiner Herkunft, sondern eine Anklage wegen Hochverrats.

Ich habe so lange durchgehalten, wie ich konnte.

Michele"


Erläuterung: Übersetzte Version eines Briefes eines 30.jährigen Italieners der vor kurzem Selbstmord beging.
Übersetzung von: www.huffingtonpost.de/2017/02/08/verlorene-generation-selbstmord_n_14638152.html

Bewerten möchte ich es nicht. Man sollte nie vergessen, das es mehr als das hier und jetzt gibt...

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30.04.2017



Erstversion vom 10.02.2017. Letzte Aktualisierung am 10.02.2017.