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Nachgedanken eines Figurensammlers

Artikel vom 30.11.2004 aus TableTop.

Dieser folgende, erstklassige Text beschreibt einen Teil dessen, was ich mit meinem Hobby “TableTop” verbinde. Der Schreiber des Textes beschreibt aus der Sicht eines langjährigen Figurensammler und Maler, sowie Bastler von Dioramen, das Verhältnis zu seinem Hobby.

Kleine Anmerkung: Wargames bzw. TableTops sind noch etwas anderes als die Figuren die im folgenden Text beschrieben werden … nichtdestrotz gibt es viele Ähnlichkeiten.

Das Original findet ihr auf: http://www.fuhrmann-figuren.de

Nachgedanken eines Figurensammlers.

Wer hat diese Situation nicht schon einmal erlebt?

Man sitzt irgendwann einmal genervt vor seiner zig- tausendsten Figur, macht seinen x-millionsten Pinselstrich, baut sein werweißwievieltes Diorama,oder liest sein hundertstes (natürlich völlig überteuertes) Fachbuch und plötzlich taucht diese anfangs winzig kleine, aber mit zunehmenden Alter immer bedeutungsvollere Frage auf: “Wozu mache ich das eigentlich alles ?”

Gute Frage! Zugegeben, angefangen hat es wie bei vielen anderen potentiellen Sammlern auch, in der heimischen Sandkiste, wo tausende wackerer Airfixkrieger ihr kaltes feuchtes Grab für die Ewigkeit fanden und garantiert nie wieder auftauchen sollten. Dann folgte die schier endlose Schulzeit wo im eigenen Ranzen immer einige WK I. Briten als Verstärkung vorort mit dabei waren (man wußte ja nie, was kam …).

Und wenn dann der Milchzahn mal zwackelte oder Mumps und Masern erbarmungslos zuschlugen, dann halfen die guten alten WK II. Japaner von oben benannter Firma besser, als jeder Bohrer oder noch so kalte Wadenwickel.

Und in der Lehrzeit,die gleich die gesammte brauchbare Freizeit mit in Anspruch nahm,da gab es auch nur: Einmal die Woche Kino, ab und zu mal in die Disco und als Trost für Versäumtes: Figuren! Kurz darauf dann der erste pubertäre Stilbruch:

Die Figur blieb zwar immer noch maßgeblich und auf jeden Fall das Wichtigste, diesesmal allerdings war es eher die Figur der ersten Freundin. Auch in der Bundeswehrzeit verloren die kleinen Männer aus Plastik leider mehr und mehr an Bedeutung, man war nun selbst nur eine “Figur” und eben auch nur eine ganz winzige. Die Zeit danach brachte das übliche: Verlieben, verloben, heiraten, geldscheffeln, aufbauen, anschaffen uns so weiter und so fort.

Aber da war immer noch diese seltsame Leere in einem. Irgendetwas fehlte, was einen früher irgendwie glücklich gemacht hatte. Und dann, irgendeines Sonntagmorgens auf dem Flohmarkt, standen sie plötzlich da, die guten alten Airfix- Knubbels aus den Sechzigern und schienen einem förmlich zuzuwinken.

Nachts, während die holde Angetraute längst schon friedlich neben einem schlummerte, diskutierte man mit sich selbst noch einmal “Die Vorgehensweise bezüglich der nächsten Bemalungsschritte” durch und visuallisierte vor dem geistigen Auge schon einmal das nächste Diorama.

Man bastelte hunderte von Zügeln an zügellose Esci- Pferde, klebte Knetgummi-Mantelrollen auf britische Sättel, malte winzige Äuglein, Bärte und kaum sichtbare Knöpfe, baute um und chirurgierte wie weiland Professor Semmelbier an seinen stummen Opfern

Dann begann man damit, Höhen und Tiefen in die Bemalung einfließen- und jeder Figur die bestmögliche Behandlung angedeihen zu lassen, versorgte arme Soldaten die nicht viel hatten, mit fehlenden Rucksäcken, Taschen und Ähnlichem und kramte längst fertiggeglaubte Sätze wieder hervor um an ihnen “unbedingt Notwendige” Ergänzungen vorzunehmen.

Irgendwann - um die Geschichte noch zu toppen - kamen die ersten Kleinserienhersteller auf den Markt, womit das “Jagen und Sammeln” erst recht losging.

Der bis dahin eigentlich recht anonyme Figurenhändler wurde in kürzester Zeit zum begehrten Figurendealer! Er war der Mann, der alles hatte, alles was das immer noch kindliche und sensible Sammlerherz sich wünschte und er war auch der, der alle Neuigkeiten schon etwas früher als die anderen wußte.

Er war und ist aber leider auch immer noch derjenige, der uns vertrösten muß, wenn die langerwartete Mega- Neuerscheinung sich um ein halbes Jahr (oder länger) verschiebt und damit schwarze Wolken am Hobbyhimmel heraufbeschwört. Durch diverse Kleinserien erschienen im Laufe der Zeit immer wieder Sachen auf dem Markt, die man sich früher nicht hätte träumen lassen und die heute in meinen Dioramen nicht mehr wegzudenken sind.

Auch wenn diese kreativen Herren mich bisher einiges an Geld gekostet haben, das Hobby wäre ohne sie nicht mal halb so schön und vieles schlichtweg nicht oder nur mit größtem Aufwand möglich.

Und was sagt die Dame des Herzen zu alledem?

Nun,die weiß immer, wo ihr Mann gerade ist, braucht denselben nie aus irgendwelchen Kneipen zu zerren und sich vor allen Dingen keine nervtötenden Fußballübertragungen im Fernsehen anzusehen.

Außerdem reicht schon der geringfügigste Hinweis darauf, daß die langbeinige Blondine, der man gerade nachsieht, garantiert nicht besonders nachsichtig mit den diversen Figuren-und Hobbywünschen umgehen würde, um den Blick wieder - ganz zahm - auf die angetraute Frau zurück zu lenken.

Der typische Figurensammler “meines” Typs hat in den sechziger-siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu sammeln begonnen und dürfte jetzt in seinen Dreißigern und Vierzigern stehen, Tendenz eher steigend.

Seine Kaufkraft ist zur Zeit zweifellos recht hoch, ergo auch die Summe der Neuerscheinungen. Aber wie lange wird das noch so bleiben?

Da viel Licht auch viel Schatten bringt, versuchen auch viele eher minderwertige Hersteller ihr Glück mit anatomischen Wunderfiguren, die eigentlich eher in Knister- Blistertüten in der Spielwaren-Abteilung im Supermarkt hängen sollten, als in Sammlerstuben Ahnungslose zu erschrecken.

Und wenn dann der Sensenmann dereinst kommt (vermutlich im Maßstab 1:1), wem vermache ich die unzähligen bemalten und umgebauten Figuren, Häuser und Fuhrwerke?

Kann man Pyramiden oder Zeitkapseln anmieten zum Zwischenlagern und Anlocken künftiger Forschergenerationen? Oder wird meine Sammlung in der soviel treues Herzblut steckt, einst gar aufgelöst und in alle Winde verstreut werden (Was für eine Horrorvorstellung!).

Was passiert also mit all den filigranen,unberührbaren - weil so zerbrechlichen - Figuren mit den doppeltgestückelten und geklebten Armen, angebackten Waffen und fachmännisch versetzten Köpfen, von denen eigentlich nur ich weiß wo und wie man sie ungestraft ohne Bruch anfassen darf.

Wird der Meister womöglich rechtzeitig einen Novizen zum weiterführen seiner Kunst finden, oder wird die herrliche Pracht irgendwann einmal von ungerührter Hand sang- und klanglos im gelben Sack für Plastikmüll ver- schwinden?

Und wird dieser mögliche Novize dann nicht doch vielleicht lieber auf dem Computer die alten Schlachten mit überraschend lebensecht nachgeahmten Trickfiguren nachspielen, als mit übelriechender Farbe und Pinselreiniger zu hantieren um kaum sichtbare Oberflächendetails hervorzuheben?

Fragen über Fragen und (vorerst) keine Antwort. Nur eines ist gewiß:

Es hat mir immer sehr viel SpaB gemacht mit den Plastik- Jungs und ich konnte - gottähnlich - blühende Landschaften erschaffen, die es sonst so nirgendwo gab. Egal wie dicke es im Leben auch kam,sie waren - abgesehen von meiner Frau - die einzig wahre Konstante und sind es bis heute geblieben.

Und scheinbar muß es im Leben wohl auch Dinge geben die vordergründig nicht unbedingt viel Sinn machen, hintergründig jedoch eine Menge dazu beitragen, um eine gewisse Zufriedenheit zu erlangen, die andere (ohne Hobby) wohl so nie erleben werden.

Das muß dann wohl auch gemeint gewesen sein, als ein großer Weiser folgende Worte gelassen aussprach: “Es ist nicht wichtig was man macht, sondern wie man es macht!”

Eben mit Freude. Damit ist meine anfangs gestellte Frage zwar nicht gänzlich beantwortet, aber man ist vielleicht ein kleines Stückchen weiter und den Rest erledigt - ganz und gar vollautomatisch - die Zukunft.

Und wir, wenn wir es wollen!

Frank.


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30.04.2017



Erstversion vom 30.11.2004. Letzte Aktualisierung am 15.09.2009.