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Kanzler, nimm mich mit auf die Reise

Artikel vom 11.03.2004 aus Sonstiges.

Text von Peter Nowak entstammt aus dem Telepolis Internet Magazin von Heise und beschäftigt sich mit der Entscheidung des Bundeskanzlers Schröders mit der “Bild” keinen Kontakt mehr zu pflegen.

Gehört zur Pressefreiheit das Recht auf Mitfahrt im Kanzlerjet?

Ist der Kanzler auf seine alten Tage wieder zum linken Juso geworden? Heckt er gemeinsam mit seinem zukünftigen SPD-Generalsekretär und Vorgänger als Juso-Chef Uwe Benneter, der ja bekanntlich auch mal ein ganz Linker gewesen sein soll, doch noch den Umsturz zumindest auf dem Mediensektor aus?

Solche Fragen muss sich stellen, wer zur Zeit die Kontroverse zwischen Bundeskanzler Schröder und der Bildzeitung und dem Stern verfolgt ( Der Spiegel und die Bild). Dabei ist doch alles nur ein Sturm im Wasserglas. Schröder will mit Bild ausgerechnet dem Blatt kein Interview mehr geben, von dem er sich sogar seinen Regierungssprecher Bela Anda ausgeliehen hat. Als wäre ausgerechnet die Bildzeitung bisher als Fachjournal für kritische Interviews bekannt gewesen. Da hat sich der Hamburger Spiegel schon eher einen Namen gemacht. Dass Helmut Kohl diesem Wochenmagazin kein Interview gegeben hat, wurde achselzuckend zur Kenntnis genommen. Weder dem Spiegel noch Kohl hat es geschadet. Warum also jetzt die Aufregung um die kalte Schulter, die der Kanzler Bild zeigt?

Da die der SPD gehörende Druck- und Verlagsgesellschaft bei der wirtschaftlich angeschlagenen Frankfurter Rundschau einsteigen könnte, spricht der Kommentator eines Berliner Senders gleich von der Gefahr einer Berlusconisierung in Deutschland. Spiegel Online meint lapidar: “Ärger mit der Presse? Dann kaufen wir uns eben selbst eine Zeitung.” Ein Kommentator der Süddeutschen Zeitung mutmaßt, die SPD will sich damit ihre Wiederwahl herbeischreiben. Dabei vertrat die FR schon seit Jahrzehnten eine SPD-freundliche Linie. Das hat sich auch nicht geändert, nachdem im letzten Jahr die vom CDU-Rechtsaußen geführte hessische Landesregierung der FR eine Finanzhilfe gewährte.

Nein, die ganze Aufregung hat wahrlich nichts mit einer regierungsamtlichen Neuauflage der Anti-Bild-Kampagne zu tun. Auch die Pressefreiheit ist bestimmt nicht bedroht, wenn ein Stern-Reporter nicht mehr im Kanzlerjet mitfliegen darf. Ganz im Gegenteil: Kritischer Journalismus wird bestimmt nicht dort produziert. Die Aufregung der Branchenriesen Bild und Stern macht eher deutlich, wie sehr diese Blätter Hofberichterstattung mit Pressefreiheit verwechseln.

“Kanzler, nimm mich mit auf die Reise", rufen sie. Medien, die Debatten über die Krawatte oder die Haarfarbe des Kanzlers hochstilisieren, mögen darauf angewiesen sein. Für die kritische Berichterstattung ist der Arbeitsplatz nicht im Kanzlerjet oder -bungalow. Wer über die Folgen der Regierungspolitik kritisch berichten will, ist in einer Arztpraxis, bei einem Arbeitsamt oder ähnlichen Behörden allemal besser aufgehoben als auf den Rockschößen der Macht.


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30.04.2017



Erstversion vom 11.03.2004. Letzte Aktualisierung am 15.09.2009.